Gedanken zur Diskussion um das Urheberrecht

Wer mich kennt, weiß, ich bin ein politischer Mensch. Ich habe oft für Politiker gearbeitet und für Wahlkämpfe fotografiert. Heute nun mal ein etwas politischerer Blogeintrag. Es geht um das Urheberrecht. Dieses ist momentan wieder schwer in der Diskussion – und warum? Weil ein Kabarettist, den ich vor dieser Diskussion nicht einmal wirklich kannte, ein Foto eines bekannten deutschen Fotografen bei Twitter genutzt hat. Weil er dies ohne Lizenz getan hat, hat er dafür natürlich eine kostenpflichtige Abmahnung bekommen. Mit seiner Öffentlichkeit von vielen Tausend Followern bei Facebook und Twitter hat dieser dann einen regelrechten Shitstorm über den Fotografen ausgelöst. Was genau passiert ist, könnt Ihr bei Kwerfeldein nachlesen.

Mich besorgt diese Entwicklung. Es scheint momentan angesagt zu sein, das Recht am geistigen Eigentum in Frage zu stellen oder zu relativieren. Dies betrifft nicht nur die Fotografie – dies betrifft alle Bereiche, in denen kreative Leistungen erbracht werden. Vom Autor über den Fotografen bis zum Musiker, vom Programmierer bis zum Ingenieur, der eine Erfindung macht. Die Argumente sind oft ähnlich. Da ist es plötzlich eine Frage der “modernen Netzpolitik”, die am liebsten alles für jeden freigeben möchte. Da werden Menschen als altmodisch abgestempelt, wenn sie das schützen wollen, von dem sie leben.

Der Vergleich mit der Musikindustrie

Die Musikindustrie wird oft als Beispiel angepriesen, dass man sich von herkömmlichen Vertriebsmodellen lösen müsse. Dass man sich auf die Onlinewelt, auf Abo-Modelle einlassen müsse. Wer dies in Bezug auf die Fotografie noch immer fordert, zeigt, wie wenig er verstanden hat, wie wenig er sich auskennt. Denn das Modell von Spotify und iTunes gibt es für Fotos schon lange. Die Plattformen heißen dort nur Fotolia, iStockphoto, Photocase & Co. Dort gibt es sowohl die Möglichkeit, günstig Fotos einzeln zu erwerben als auch ganze Fotoflatrates. Und genau wie bei der Musikindustrie wird auch hier niemand gezwungen, teilzunehmen. Wer jetzt behauptet, bei Spotify sei doch jeder zu finden, suche doch einfach mal nach Herbert Grönemeyer.

Es gibt aber einen großen Unterschied zwischen Musik- und Fotoanbietern. Die Musikindustrie stand in der Tat vor riesigen Problemen, die Plattenverkäufe gingen steil nach unten. Ein Musikstück ist aber eben nichts individuelles, nichts, was für jeden Kunden im Zweifel neu gemacht wird. Bei der Fotografie ist dies meist anders. Ja, es gibt diese Stockfotos, wie gerade schon beschrieben – aber man kann ja mal versuchen, sich demnächst seine Hochzeitsfotos bei Fotolia zu kaufen. Und eine große Zeitung wird immer versuchen, eigenes, exklusives Material von wichtigen Ereignissen zu zeigen.

Urheberrecht reformbedürftig

Das Urheberrecht mag reformbedürftig sein. Es kennt die vielen digitalen Einsatzmöglichkeiten einfach nicht. Zu einer Einschränkung des Urheberrechts darf es aber nicht kommen. Urheberrechte sind Eigentumsrechte. Niemand möchte auf sein Eigentum verzichten – ganz sicher auch nicht die vielen, die im Sinne von “Netzpolitik” genau dies aber fordern. Würde man bei ihrem Eigentum ansetzen, wäre das Geschrei vermutlich groß. Provokant gesagt: Das geistige Eigentum wird meist nur von denen in Frage gestellt, die selbst kein geistiges Eigentum schaffen können. Weil ihnen die Kreativität, das Wissen, das Können, vielleicht auch die Ausdauer oder der Mut fehlen. Das kann und darf aber kein Grund sein, sich einfach bei anderen bedienen zu wollen. In den Diskussionen wurde auch immer wieder eine Forderung laut. Es müsse “einfacher werden”, den man könne ja urheberrechtlich geschütztes Material nicht von freiem Material unterscheiden. Leute – einfacher, als es heute ist, geht es eigentlich kaum. Das Prinzip ist ganz einfach zu verstehen: Jedes Foto ist urheberrechtlich geschützt. Und vor der Verwendung sollte ich bei jedem Foto den Fotografen fragen, ob ich das darf. Wo ist das Problem?

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One comment

  • earendil 5. Februar 2015   Reply →

    “Ja, es gibt diese Stockfotos, wie gerade schon beschrieben – aber man kann ja mal versuchen, sich demnächst seine Hochzeitsfotos bei Fotolia zu kaufen. Und eine große Zeitung wird immer versuchen, eigenes, exklusives Material von wichtigen Ereignissen zu zeigen.”

    Das ist richtig – aber da Sie die Böhmermann-Langer-Geschichte als Anlass für diesen Blogeintrag nehmen, verstehe ich den Zusammenhang nicht ganz. Denn dabei ging es um ein 20 Jahre altes, schon unzählige Male publiziertes und weithin bekanntes Foto, das mithin absolut nicht (mehr) exklusiv ist.

    “Provokant gesagt: Das geistige Eigentum wird meist nur von denen in Frage gestellt, die selbst kein geistiges Eigentum schaffen können.”

    Herr Böhmermann erschafft bekanntlich ebenfalls geistiges Eigentum. Ob es die gleiche Dauerhaftigkeit haben wird wie das Foto von Herrn Langer, darf man bezweifeln, aber an den Rang guter Hochzeitsfotos reicht es gewiss heran.
    Ich selber schaffe übrigens, obgleich kein Künstler, auch geistiges Eigentum. Ich kann damit zwar direkt kaum Geld verdienen, aber wenn ich das könnte, würde ich das natürlich auch verteidigen wollen. Kurzum, dass Produzent_innen geistigen Eigentums (solange die Eigentumsordnung nicht durch eine bessere Ordnung abgelöst ist) von ihrer Arbeit leben können wollen, vielleicht auch noch gut, das halte ich für völlig legitim. Und das geht vielen so, die mit dem bestehenden Urheber- und Verwertungsrecht und dessen Durchsetzung nicht einverstanden sind, ohne deswegen seine völlige Abschaffung zu fordern oder zu verlangen, Künstler_innen hätten gefälligst für Luft und Liebe zu arbeiten.

    “Jedes Foto ist urheberrechtlich geschützt. Und vor der Verwendung sollte ich bei jedem Foto den Fotografen fragen, ob ich das darf. Wo ist das Problem?”

    Lassen Sie mich raten: Sie twittern nicht? Denn, zur Erinnerung, es ging um ein getwittertes Bild, nicht um eine Veröffentlichung im Spiegel oder auf tagesschau.de. Und es ging um ein 20 Jahre altes Bild, also kein exklusives Material, das damit quasi erstmals einer breiten Öffentlichkeit zur Verfügung gestellt würde. Twitter ist ein Augenblicksprodukt, das ist nicht zu vergleichen mit einer gut vorbereiteten und vielleicht sogar redigierten Veröffentlichung. Zu erwarten, dass jemand dafür a) recherchiert, wer die Rechte an einem Bild besitzt, b) den_die Rechteinhaber_in um Erlaubnis fragt und c) dafür ggf. eine nennenswerte Lizenz zahlt, ist schlicht weltfremd. Würde dieses leider bestehende Recht so durchgesetzt, wäre die Konsequenz nicht, dass die Leute fragen und ggf. zahlen, sondern dass sie ohne Bild twittern. Was dadurch für irgendjemanden besser würde, erschließt sich mir nicht.

    Und um es nochmal etwas provokant zu formulieren: Nein, ich frage nicht vor Verwendung jedes Fotos beim Fotografen oder der Rechteinhaberin um Erlaubnis. Nicht wenn ich das Foto meinen bekannten zeige, nicht wenn ich es an meine Wand pinne, nicht wenn ich es auf den Kopierer lege, nicht wenn ich es per Email verschicke, und auch nicht, wenn ich es tweete oder in mein Facebook-Profil packe. Denn: Ich bin kein Medium, ich habe weder Auflage noch (nennenswerte) Reichweite noch Gewinn. Das dürften nicht nur Herr Böhmermann und ich so handhaben, sondern die allermeisten Twitterer und Facebooker, und das ist auch gut so, denn niemandem entgeht dadurch etwas, aber viele gewinnen. Also, beschränkt doch bitte die Durchsetzung eurer Verwertungsrechte auf Medien, die diese Bezeichnung verdienen (z. B. Zeitungen, Fernsehsender oder Alphablogger_innen), aber lasst – sofern es nicht wirklich um neues, exklusives Material geht – Twitterer, Facebooker und Kleinbloggerinnen in Ruhe. Wo ist das Problem?

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